Anarchismus in Anatolien (Türkei)

Zur allgemeinen Orientierung hier ein Text über die anarchistische Bewegung im Jahre 2001, die Übersetzung aus dem Englischen habe ich selbst - trotz mangelnder Englisch-Kenntnisse - besorgt:



Zurück zurTitelseite


Jahresbericht über den Anarchismus in der Türkei


In der Türkei ging das Jahr 2001 mit tiefen Einbrüchen einer ökonomischen Krise ins Land, die für die größte seit dem zweiten Weltkrieg erklärt wurde. In der anarchistischen Arena fand unglücklicherweise gleichzeitig mit dem Entstehen der Krise der türkischen Ökonomie (im Februar) ein Angriff auf einen anarchistischen Mitstreiter von einer sich "anarchistisch" nennenden Gruppe statt, der so etwas wie eine Teilung in der Bewegung verursachte. Aber ansonsten breitete sich der Anarchismus weiter über das ganze Land aus und zum ersten Mal in den 17 Jahren seiner "offiziellen" Geschichte, wurde eine Gruppe von AnarchistInnen unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation verhaftet.

Gruppen & Aktionen

Im Jahr 2001waren die türkischen AnarchistInnen in vielen verschiedenen autonomen Gruppen und um einige Kampagnen herum organisiert. Mit Ausnahme der "isolierten Gruppe" Anarchistische Plattform, die einige eigene Demonstrationen in Istanbul organisierte, bildeten die AnarchistInnen aus Istanbul eine neue Gruppe mit dem Namen TSK-I (Initiative gegen Unterdrückung und Krieg - Istanbul). Diese Gruppe umfasst sowohl Mitglieder von IAMI (Istanbuler anti-militaristische Initiative) als auch Kara-MecmuA-Involvierte und auch indivuduelle TeilnehmenerInnen aus Istanbul. Der 1. Mai, Genova-Events usw. gehörten zu den Demonstrationen, an denen Istanbuler AnarchistInnen teilnahmen. Der TSK-I gelang es auch eine "Self-Performance Demo" und einige Seminare gegen den Krieg zu organisieren. Die Anti-MERNIS-Kampagne (eine Kampagne gegen das nationale Identitäts-Karten-Nummern-System - MERNIS) war eine der Initiativen, die von dieser Gruppe gestartet wurden.
Die AnarchistInnen in Ankara haben seit August 2001 ihren eigene Räume mit dem Namen "Kara Kalem Sanat Atölyesi" (Art-Workshop Schwarzer Bleistift) in der Innenstadt. Mehr als mit sogenannter Kunst zu handeln, ist es ein aktiver Treffpunkt um jede Art von Aktivitäten zu organisieren. Letztes Jahr schafften sie es, ein anti-militaristisches Festival und eine Presse-Konferenz zu organisieren. Es wurden diverse Fanzines von verschiedenen Leuten aus anarchistischen Kreisen herausgegeben (z.B. das "AN kara fanzin"). Sie haben sich an vielen Demonstrationen beteiligt; in einigen trugen sie ihre eigenen Fahnen und Plakate. Während der Genova-Ereignisse, nachdem der Mord an Carlo bekannt wurde, wurden Geldautomaten und Gebäudefassaden in der Innenstadt von AnarchistInnen aufgesucht.
In Izmir, der dritt größten Stadt in der Türkei, gibt es hauptsächlich zwei Gruppen. Eine davon ist die IAF (Anarchistische Föderation Izmir); tatsächlich ist es nur eine autonome Gruppe von jungen AnarchistInnen, kein "Föderation" im eigentlichen Sinne. Sie haben ihr eigenes Fanzine herausgegeben und sich an einigen Demonstrationen beteiligt. Diese Gruppe hat Beziehungen zu der isolierten Anarchistischen Plattform. Einige andere AnarchistInnen, die mit der Genova-Initiative zusammengearbeitet hatten, erschienen auf 1.- Mai-Demo; sie benutzten den Namen "Kara Gündem" (schwarze Agenda). Auch die ISKD (Kriegs-Widerstands-Assoziation Izmir) muß als eine wichtige anti-militaristische Organisation erwähnt werden. Diese Gruppe hat im September ein internationales Treffen unter dem Namen "Anti-Militarismus und Feminismus in der Türkei" organisiert. Zu ihr gehört auch die Frauen-Gruppe "Anti-Militaristische Feministinnen".
In diesem Jahr entstanden verschiedene autonome Gruppen in unterschiedlichen Städten. Das "Anarchistische Kollektiv" aus Istanbul löste sich auf, nachdem sie ein paar Aktionen gemacht und einiges Material veröffentlicht hatten. Einige Gruppen wagten es, sich als "anarchistische autonome Gruppen" (Usak und Samsun) oder als lokale anarchistische Initiativen (in Antalya, Mersin usw) zu bezeichnen. Am ersten Mai dieses Jahres traf Antalya auf AnarchistInnen, die schwarze Fahnen trugen. In anderen Städten agieren AnarchistInnen eher in "Freundeskreisen" oder kleineren Initiativen.

Die "Anarchistische" Plattform und die Politik der Isolierung

Am 10. Februar griff eine Gruppe von 5-6 Personen einen gut bekannten Anarchisten und Kriegsdienstverweigerer an, groteskerweise während eines Treffens über gewaltfreie Methoden des Widerstands in Istanbul. Der Grund für den Angriff auf ihn lag wahrscheinlich an seiner Kritik an den Angreifern, aber wie erwartet beschuldigten ihn die Angreifer anderer, "persönlicher" Meinungen. Diesen Vorfall wurde sofort verurteilt von den meisten AnarchistInnen und libertären Gruppen aus dem ganzen Land, einschließlich MecmuA, IAMI, ISKD, Kaos GL, den Ankara-AnarchistInnen usw. Die zugehörige Gruppe "Anarchistische Plattform" einschließlich AGF (Anarchistische Jugend-Föderation), SED (Sozial-ökologische Transformation) und ihre Zeitschrift "Efendisizler" (die ohne Herr/Meister) haben keine Stellungnahme zu diesem Thema abgegeben, statt dessen beschuldigen sie die "anderen" Gruppen und Personen wegen ihrer Politik der Isolierung. Da es weder der erste noch der letzte gewaltsame Vorfall gegen AnarchistInnen war, der von dieser Gruppe organisiert wurde, wird die Politik der Isolierung wohl so lange andauern, bis sie ihr Verhalten und ihre gewaltsamen Angriffe gegen AnarchistInnen aufgeben.

Anti-Militarismus

Anti-militaristische Aktivitäten gibt es hauptsächlich in den drei großen Städten Istanbul, Anakara und Izmir. Für den Tag der Kriegsdienstverweigerer, am 15. Mai, wurden verschiedene Veranstaltungen organisiert; hauptsächlich in Ankara, aber auch in zwei anderen Städten. In Anakara fand ein drei Tage andauerndes anti-militaristisches Festival statt, einschliesslich eines Seminars, einer internen Diskussion, einer Film-Vorführung und einem Konzert (obwohl es wegen des Regens nicht so lange ging). Das hatten hauptsächlich AnarchistInnen aus Anakara und einige Anti-MilitaristInnen organisiert.
Am 27. Oktober erklärten zwei Leute aus Anakara ihre Kriegsdienstverweigerung gegen den Wehrdienst. Für einige Leute war deren Erklärung mehr als eine Verweigerung, "Total"-Verweigerung, so wie sie es auffassen, lehnt jede mögliche Kooperation mit dem Staat und der Armee ab. Einer der Verweigerer war ein Schwuler aus der Kaos GL-Gruppe. Zum ersten Mal sprachen er und seine Gruppe - als schwule "Verweigerer" - die Unterdrückung des Staates und der Armee gegen Schwule an. Am gleichen Tag organisierten die Ankara-AnarchistInnen eine illegale Demonstration gegen den andauernden Krieg und um die Verweigerer zu unterstützen. Ähnliche Demonstrationen und Aktionen wurden in verschiedenen Städten und Universitäten in Istanbul, Ankara und Izmir hauptsächlich gegen den Krieg in Afghanistan organisiert.
Vom 27. bis zum 30. September wurde in Izmir-Sigacik mit der Initiative der ISKD ein internationales Treffen über Anti-Militarismus, Feminismus und libertäre Aktivitäten veranstaltet. Ungefähr 80 Leute besuchten es, 30 von ihnen kamen von ausserhalb. Die Ziele basierten auf Anti-Militarismus, pazifistische Methoden des Kampfes, Feminismus, Ökologie und Anarchismus. Obwohl einige Uneinigkeiten zwischen den AnarchistInnen und einigen Anti-MilitaristInnen auftraten, muss es als ein erfolgreiches Treffen angesehen werden.

Knäste und AnarchistInnen

Am 1. Dezember nahm die Polizei in Usak (eine Stadt im Mittel-Westen Anatoliens) zwei Anarchisten fest unter der Anschuldigung des Verteilens illegaler Flugblätter bei einem Treffen, das von Gewerkschaften veranstaltet wurde. Später wurde noch drei weitere festgenommen und alle fünf wurden verhaftet mit der Behauptung "Mitglied einer illegalen Organisation" namens Anarchistische Autonome Usak zu sein. Tatsächlich hatten sie nichts getan ausser dem Verteilen ihrer eigenen Flugblätter. Aber für diesen terroristischen Staat reicht es wohl aus, um sie zu verurteilen unter der Anschuldigung der Organisierung und auf diesem Wege "sie zu zerstören oder zu teilen", obwohl sie noch nicht einmal einen einzigen (in ihren eigenen "Worten") "gewalttätigen" oder "terroristischen" Hinweis haben, der sich auf diese Gruppe bezieht. Der Prozess wird im Staats-Sicherheits-Gericht in Izmir abgehalten werden und vielleicht werden sie ins Nazilli Gefängnis gebracht. Momentan sind sie im Gefängnis in Usak; jeder von ihnen wurde in verschiedene Zellen gesteckt , was nicht "üblich" ist. Wie wir hörten wurden sie von der Polizei von Usak schlecht behandelt und gefoltert und sie wiesen den Anwalt, der vom Staat berufen wurde, zurück. Es ist das erste Mal, dass türkische AnarchistInnen vom türkischen Staat als "illegale Organisation" angeklagt werden und dieser Prozess wird die Einstellung des Staates gegen AnarchistInnen und anarchistische Organisationen zeigen. (*)
Die letzten Monate des Jahres 2000 und die meisten des Jahres 2001 vergingen mit dem Hungerstreik der revolutionären linken (**) Gefangenen gegen die F-Typ-Gefängnisse und den Terror des türkischen Staates gegen sie. Einige anarchistische Gruppen und Einzelpersonen unterstützten den Aufstand der politischen Gefangenen ohne ein Werkzeug für die Politik der linken Gruppen zu sein. Es gibt zur Zeit nur fünf Leute, die wegen anarchistischen Aktivitäten im Knast sind, die meisten anderen, die sich selbst als "AnarchistInnen" bezeichnen, sind ehemalige Mitglieder von linken Organisationen. Unter diesen Leuten sind einige, die nicht nur unter der Repression des Staates und der Knastleitung leiden, sondern auch unter der Repression der Linken. Das kann sogar manchmal tödlich enden , so wie drei Jahre zuvor im Gefängnis von Bursa , wo sich ein suspekter Mord an dem anti-autoritären/anti-militaristischen Gefangenen Mehmet Cakar von seiner ehemaligen Gruppe TIKKO (Türkische Befreiungsarmee der BäuerInnen und ArbeiterInnen) ereignete.
"Anarchistische" Gefangene im Knast unterstützen nicht "völlig" den Hungerstreik, wie er von den Linken - hauptsächlich geführt von der DHCKP-C(Revolutionäre Volks-Brfreiungs Armee-Front) - initiiert wurde, aber einige machten für einige Tage einen symbolischen Hungerstreik. Nur einer unter den "AnarachistInnen" im Knast, Dervis Orhan, machte alleine einen 150 tägigen Hungerstreik mit wenigen Wochen Unterbrechung, obwohl seine ehemalige Organisation PKK (Kurdische ArbeiterInnen Partei) den Hungerstreik nicht unterstützte. Seine "Forderungen" waren vorwiegend individuelle; gegen die Gefängnisleitung, die ihm seine persönlichen Notizen, Bücher, Kleider und Möbel wegnahm. Aber das war nicht nur ein Hungerstreik für "Forderungen", tatsächlich war es mehr ein Protest gegen die Leitung und wegen deren Behandlung gegen den Staat selbst. Innerhalb weniger Monate organisierten AnarchistInnen in der ganzen Türkei eine Kampagne für seine Entlassung, später wurde Geld gesammelt, das für eine Überführung von Mersin (wo er inhaftiert war) zu einer Untersuchung ins Krankenhaus nach Istanbul erforderlich war. Zuletzt, nachdem sein neuer Anwalt einige legale Verfahren initiiert hatte, wurde er am 31. Oktober für 6 Monate wegen gesundheitlicher Probleme entlassen.

Anti-Sexismus

Kaos GL, eine einzigartige libertäre anti-heterosexuelle SchwulenLesben-Gruppe in der Türkei, schafften es, im September 2000 das erste homosexuelle kulturelle Zentrum der Türkei (Kaos Kültür Merkezi - Chaos-Kultur-Zentrum) in Ankara zu eröffnen. "Kaos" GL wird regelmäßig alle drei Monate herausgegeben, aber das 15 tägige Zeitungsprojekt Parmak (Finger) war nach einigen Ausgaben gescheitert. Unbeabsichtigterweise wurden sie in den Mainstream-Medien durch ihre Teilnahme an der 1. Mai-Demonstration sehr "populär".
Einige Frauengruppen, meistens aus Istanbul und Izmir, waren während des Jahres aktiv. Das Sigacik-Treffen war in diesem Sinne eine gute Organisation.

Anarcho-Syndikalismus

Die türkischen Anarcho-SyndikalistInnen und anderen AnarchistInnen, die Mitglied in Gewerkschaften sind, schafften es nicht, sich zu organisieren. Das liegt mehr oder weniger daran, dass der Anarcho-Syndikalismus keine Tradition oder historischen Hintergrund in der Geschichte der Gewerkschaften in der Türkei hat. Zusätzlich ist die legale türkische Infrastruktur ziemlich problematisch, wenn es um die Schaffung von Syndikaten geht. Das ist der Grund, warum AnarchistInnen normalerweise in bestehenden Gewerkschaften nur als Mitglieder arbeiten oder manchmal auch mehr Verantwortung übernehmen. Obwohl sie zur Zeit nur sehr wenige sind, werden sie in manchen Gewerkschaften wie KESK (Konföderation der Öffentlichkeits-ArbeiterInnen-Syndikate - die Büro-ArbeiterInnen-Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst (?)) von Tag zu Tag mehr - die meisten sind ehemalige MarxistInnen. Bei den Ausschreitungen gegen das neue Gewerkschafts-Recht, das Gewerkschaften wie der KESK Legalität verschafft, waren AnarchistInnen und Anarcho-SyndikalistInnen unter denen, die gegen die Sicherheitskräfte kämpften.

Pressewesen und Zeitschriften

Die erste Ausgabe der Kara MecmuA (schwarze Zeitschrift) kam im Februar heraus und fünf Ausgaben wurden bis Januar 2002 gedruckt. Unter den "MecmuA-Mitwirkenden" sind verschiedene SchreiberInnen von nahezu allen bisherigen anarchistischen Zeitschriften; Kara (Schwarz - zuerst erschienen 1984), Efendisiz, Amargi, Ates Hirizi, Apolitika, Efendisizler usw. Jede Ausgabe - aber nicht das ganze Magazin - stellt verschiedene Themen zur Diskussion und hat einen Zeitraum von zwei Monaten um diese wieder zu verwirklichen. In Istanbul herausgegeben, wird sie im grössten Teil des Landes verteilt und durchschnittlich werden mehr als 1000 verkauft.
Kaos Yayinlari (Chaos-Verlag) benutzt die gleiche Adresse, wie MecmuA und ist immer noch der einzige anarchistische Verlag in der Türkei. Zusätzlich geben einige linke Verlage - hauptsächlich übersetzte - Bücher über anarchistische Theorie und Geschichte heraus, aber der "türkische Anarchismus" ist noch immer nicht sehr reichhaltig.
Dieses Jahr erschienen die aus dem Kreis der "Anarchistischen" Plattform stammenden Zeitschriften Efendisizler, Anarsi und Kara Toprak (Schwarzes Land) nicht mehr so häufig (nur einige Ausgaben).
Andererseits sind Fanzines immer noch aktiv und es wurden viele neue anarchistische und Anarcho-Punk-Fanzines geboren. Unter diesen ist das "AN kara fanzin" etwas ungewöhnlich, weil sowohl hinsichtlich der Zahl der Mitarbeitenden, als auch dem Format, eher wie eine formelle Zeitschrift aussieht, als wie ein Zine. Der Kreis umfasst einige AnarchistInnen aus Ankara und das Zine wird in vielen Städten verteilt. Beginnend vom Mai, wurden drei Ausgaben herausgegeben. Ausser diesem wurden viele Zines wie Oldletter, KatrAn, Veganarsi, Kontra Atak, Twillight Zine, Ictepi, Afanzin usw. im Jahr 2001 herausgebracht und als eine Gegenkultur haben sie die anarchistische Theorie und Praxis in der Türkei geprägt.
Als ein historisches und wirkungsvolles, gut bekanntes türkisches Magazin für Kultur und Literatur, scheint Varlik eine Arena für die Entfaltung anarchistische Ideen zu werden. Süreyyya Evren, Rahmi Ögdül, Yasar Cubuklu und Isik Ergünden sind einige der SchreiberInnen, deren Artikel über Anarchismus und libertäre Gedanken gute Quellen für einen intellektuellen Boden sind.

* Geschrieben von B.Ö. aus dem AN kara fanzin - Januar 2002



(*) Anmerkung des Übersetzers: Die fünf sind inzwischen frei. Näheres dazu in den deutsch-sprachigen A-Infos
(**)Anmerkung des Übersetzers:Die meisten AnarchistInnen aus der Türkei grenzen sich sehr stark gegenüber den traditionellen Linken - die in der Regel sehr autoritär sind - ab und bezeichnen sich selbst nicht als Linke (auch, weil der Begriff "links" einen parlamentarischen Ursprung hat).





Jahresbericht 2000

Links aus der Türkei

Links aus der BRD

Zurück zurTitelseite