Anarchismus in Anatolien (Türkei) 2000

Hier ein Text über die anarchistische Bewegung im Jahre 2000



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Ein kurzer Bericht über
"Anarchismus in der Türkei 2000"



Die Wurzeln des türkischen Anarchismus liegen sowohl in der Punkbewegung, die irgendwie aus dem Westen "importiert" wird und dem ideologischen Wechsel früherer Marxisten vom autoritären Sozialismus bis hin zu libertären kommunistischen Vorstellungen. Derzeit wächst die anarchistische Bewegung zahlenmäßig, ist aber trotzdem nicht so erfolgreich, eine solide gesellschaftliche Basis zum Kampf zu finden.

Die Gruppen

Zusätzlich zu vielen im ganzen Land verteilten anarchistischen Einzelpersonen, kommen die AnarchistInnen in einigen größeren Städten ind er Türkei auch in Gruppen und Organisationen vor.

In Istanbul ist die effektivste und größte Gruppe die "AGF"(*) (Anars,ist Genc,lik Federasyonu - Anarchistische Jugendföderation). Sie wurde im April 1998 gegründet; ihre grundlegenden Prinzipien sind Antikapitalismus, Ökologie, Antisexismus, Anti-Gerontokratismus, Anti-Hierarchismus und Anarchismus. Die AGF ist für die direkte Aktion, sie haben Demos und Protestaktionen an den Unis von Istanbul und Ankara und sie haben an anderen Demos mit eigenen Transparenten teilgenommen. Zuletzt nahmen sie an Demos gegen den Bau des AKW in Akkuyu teil. In Übereinstimmung mit dem Namen sind die Mitglieder junge/jüngere anarchistische Autonome und Einzelpersonen aus Istanbul; sie haben einige Mitglieder in anderen Städten wie Izmir und Ankara, aber in anderen Orten sind sie nicht so organisiert.

Im August 1999 organisierten die AnarchistInnen in Ankara sich als "Kultur- Kooperative". Die Idee einer Kulturkooperative entstand nach monatelangen Diskussionen, die ab Anfang 1999 geführt wurden. Die Gruppe versteht sich selbst als "Diskussionsplattform von AnarchistInnen" und besteht nicht nur aus jungen AnarchistInnen, StudentInnen etc., sondern auch aus ArbeiterInnen, Angestellten und Arbeitslosen. Sie haben ca. 35-40 aktive Mitglieder (40% davon Frauen), die sich teils als anarcho-kommunistisch, anarcho-syndikalistisch, anarcha-feministisch, pan-anarchistisch etc. verstehen. Sie haben an einem Produktionsprojekt gearbeitet und diskutieren gerade, wie sie in der sogenannten "politischen" Arena effektiver werden können - insbesondere wollen sie den Anarcho- Syndikalismus studieren.

"ISKD" (Izmir Savap Karpitlari Dernedi - Verband der Kriegsdienstgegner Izmir) arbeitet immer noch aktiv an antimilitaristischen und pazifistischen Projekten. Der Verband besteht aus Antimilitaristen, von denen die meisten den Kriegsdienst verweigert haben. Die Gruppe hat eine internationale Kampagne zur Unterstützung für ihr Mitglied, den Kriegdienstverweigerer "Ossi" (Osman Murat Ülke) organisiert, der im März 1999 freikam. In Zukunft wird der Verband viel Arbeit haben mit weiteren Verweigerungsfällen und neuen Initiativen im Bereich Antimilitarismus.

In Istanbul gibt es kleinere anarchistische und libertäre Gruppen, von denen einige eigene Zeitungen herausgeben und es gibt auch viele Gruppen in Izmir, Ankara, Antalya, Iskenderun, Adana, Mersin, C,anakkale, Konya und Diyarbakir (meist an Universitäten und mit jüngeren Mitgliedern). Eine Gruppe von AnarchistInnen aus der Mittelmeerregion hat kürzlich ein öko- anarchistisches Projekt angefangen/durchgeführt.


Antimilitarismus

In der Türkei ist der Wehrdienst Pflicht für alle Männer, die älter als 20 Jahre sind. Die türkische Armee ist "historisch" stolz darauf, eine der autoritärsten und diszipliniertesten Armeen zu sein. In den letzten Jahren gab es einige Dutzend Anarchisten und Antimilitaristen, die den Wehrdienst verweigert haben. Im Oktober 1996 wurde einer von ihnen, Ossi (Osman Murat Ülke), verhaftet und nach einer internationalen Kampagne im März 1999 wieder freigelassen.

Derzeit sieht es so aus, daß der Krieg in Kurdistan beendet ist und das Militär hat Deserteuren die Chance eingeräumt, bei gleichzeitiger Zahlung einer hohen Geldsumme einen Kurzzeitwehrdienst abzuleisten. Trotz der für antimilitaristische Propaganda ungünstigen Atmosphäre, werden Anarchisten und Antimilitaristen weiter den Wehrdienst verweigern. Für Mai ist ein antimilitaristisches Festival geplant, wenn die örtlichen Behörden die Genehmigung dafür erteilen, aber auf jeden Fall wird es eine Verweigerungsdemo geben. Die "AMI" (Istanbul Anti-Militarist Inisiyatif - Antimilitaristische Initiative Istanbul), ISKD und andere anarchistische/ antimilitaristische Gruppen und Personen kümmern sich um dieses Projekt. Nach der Verweigerung kann der Verweigerer verhaftet werden, also kann eine antimilitaristische Kampagne notwendig sein, die die Unterstützung von AnarchistInnen, AntimilitaristInnen und PazifistInnen braucht.

Zusätzlich zu ISKD und IAMI (aus Istanbul) haben AntimilitaristInnen aus Ankara beschlossen, unter dem Namen ASKD (Ankara Savap Karpitlari Dernedi - Verband der Kriegsdienstverweiger Ankara) eine neue Initiative zu starten.

Ökologie

Das erste AKW der Türkei soll in Akkuyu in der Nähe des Dorfes Büyükeceli an der Mittelmeerküste gebaut werden. AnarchistInnen kämpfen aktiv gegen den Bau des AKW und arbeiten in Anti-AKW-Plattformen und örtlichen Initiativen mit, nehmen an Demonstrationen teil etc. Die AnarchistInnen der AGF waren nach der KESK (Angestellten-Gewerkschaft) die größte Gruppe, die an der in Mersin organisierten Demo teilnahmen; sie haben auch an anderen Demonstrationen in Istanbul und anderen Orten teilgenommen. Einige AnarchistInnen arbeiten mit Greenpeace zusammen, die gewaltlose direkte Aktionen organisieren.

"Kara Toprak" (Schwarzes Land) ist ein Projekt, das zwischen Orten wie Akkuyu-Büyükeceli, Bergama, C,amlihepin-Firtina Vadisi und C,amköy, in denen es ökologische Probleme gibt, koordinieren wollte, ist fehlgeschlagen, aber die AktivistInnen arbeiten immer noch auf lokaler Basis.

Anti-Sexismus

Die erste homosexuelle/anti-heterosexistische Zeitung der Türkei, "Kaos GL", wurde von anarchistischen Schwulen und Lesben im September 1994 in Ankara gestartet und erscheint seitdem monatlich. Die Gruppe ist gewachsen, "populärer" geworden, aber hat ihren libertären Charakter nicht verloren und die Zeitung ist die einzige Zeitung von türkischen Schwulen und Lesben. Vor einigen Jahren gründeten Lesben eine eigene Gruppe namens "Sappho'nun Kizlari" (Sapphos Mädchen), aber sie arbeiten weiter mit den Schwulen an der Zeitung.

Die Anarchafeministinnen haben von Zeit zu Zeit eigene Treffen, aber haben es bisher nicht geschafft, langfristige "stabile" Gruppen zu organisieren. Eine der ersten anarcha-feministischen Gruppen, die das Zine "Dokunduran C,üksüzler" herausgab, hat sich vor einigen Jahren aufgelöst, aber seit kurzem gibt es neue Initiativen.

Anarchistische Gefangene

Derzeit gibt es keine "anarchistischen Gefangenen" in türkischen Gefängnissen - was heißt, niemensch ist im Gefängnis wegen anarchistischer Aktionen oder weil er/sie Mitglied einer anarchistischen Organisation ist. In der Türkei gibt es über 10.000 "politische" Gefangene, die meisten von der PKK (Partiya Karkaren Kurdistan - Kurdische Arbeiterpartei), an zweiter Stelle von illegalen bewaffneten linken Gruppen und wenige Islamisten. Aber einige Gefangene, die als Mitglieder der PKK oder illegaler linker Organisationen verhaftet wurden, haben ihren ideologischen Standpunkt vom Sozialismus zum Anarchismus geändert und angefangen, sich als "Anarchisten" zu verstehen. Sie schreiben Briefe an anarchistische/libertäre Zeitungen - auf diese Weise erfahren die "freien" AnarchistInnen von ihrer Existenz.

Ein "anarchistischer Gefangener" hat viel mehr Probleme als ein politischer oder Strafgefangener. Der Druck kommt nicht nur von der Gefängnisverwaltung, sondern auch von seiner/ihrer früheren politischen Gruppe. Im Jahr 1998 wurde ein Antimilitarist/Pazifist (ein früheres Mitglied von TIKKO, eine bewaffnete maoistische Gruppe) von der TIKKO im Gefängnis von Bursa getötet unter dem Vorwand, er kooperiere mit Regierungsstellen, aber der tatsächliche Grund war politischer/ ideologischer Dissens. Anarchistische Gefangene werden sogar von Linken wegen unsinniger Beschuldigungen "bestraft" und geschlagen, etwa weil sie langes Haar hätten oder Rockmusik hören. Die genaue Zahl der Anarchisten im Gefängnis ist unbekannt, aber es können ca. 20% sein; trotzdem gibt es kein ABC, sondern nur mehrere kleinere Initiativen, die sich um die Probleme der Gefangenen kümmern.


Zeitungen, Zeitschriften, Verlage

Der einzige aktive anarchistische Verlag in der Türkei ist "Kaos Yayinlari" (Chaos-Verlag). Bisher haben sie Bücher zu den verschiedenen anarchistischen Strömungen und Bewegungen veröffentlicht - Bücher von und über Bakunin, Malatesta, Rocker, Tolstoi, Makhno (Makhno-Bwegung), Durruti, Bookchin, Woodcock, Unabomber etc. In den letzten Jahren haben einige linke Verlage auch anarchistische Bücher veröffentlicht: "Airinti Yayinlari" (Airinti-Verlag), die Bücher über Anarchismus und libertäre Ideen herausgeben, sind ein bedeutendes Beispiel.

Derzeit gibt es noch einige anarchistische Zeitungen/Zeitschriften. Die erste Ausgabe der anarchistischen Zeitung "Efendesizler" (Herrenlos) war sehr erfolgreich; über 5.000 Exemplare wurden verkauft und seither sind 13 Ausgaben erschienen. Eine weitere ist "Anars,i" (Anarchie), deren erste Ausgabe im November 1999 erschien; sie steht den Vorstellungen der AGF nahe. "Ates, Hirsizi" (Feuerdieb) erscheint nicht mehr so häufig wie früher - sie können nur noch einmal pro Jahr herauskommen. "Apolitika" war eine der wichtigsten türkischen anarchistischen theoretischen Zeitschriften und scheint eingangen zu sein. "Nisyan" hat zwar den Inhalt für ihre vierte Ausgabe festgelegt, aber es sieht nicht so aus, als würde diese Ausgabe bald erscheinen. Die Gruppe, die die "Karapin" herausgab, plant jetzt eine neue Zeitschrift, die auch Artikel über anarchistische Kultur bringen soll - es wird erwartet, daß sie in einigen Monaten erscheint.

Alle oben genannten Zeitungen/Zeitschriften erscheinen in Istanbul; es gibt außerdem noch viele anarchistische und anarcho-punk-Zines, die in Istanbul und anderen Orten unregelmäßig erscheinen. AnarchistInnen (oder besser gesagt, anarchistische "Intellektuelle") schreiben auch in bekannten türkischen Zeitschriften wie Varlik, Birikim etc. über Politik, Literatur, Kunst und Philosophie.

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Translation: AFD Hamburg I-AFD_2@anarch.free.de

* March 2000


About Anarchism in Turkey: Turkiye'de Anarsizm

Texts in Turkish: Turkce metinler

(*) Anmerkung des Website-Herausgebers: Die AGF hat 2001 einen Anarchisten, der sie zuvor kritisiert hatte, angegriffen und schwer verletzt. Sie werden jetzt von nahezu allen anarchistischen Gruppen der Türkei isoliert.

Englische Version diese Textes / english version of this text




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Jahresbericht 2001

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